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Ein gut geborener Edelmann

dreistimmig, entstanden um 1408, ein Werbegespräch/Minnestreit (Tenzone) zwischen Mann und Frau (KL 43)

– Das Original aus Handschrift B –

– Meine Übertragung –
Sie ist zu hören mit CONVENTUS TANDARADEY im 2014 erschienenen Film
»Margarete von Schwangau – Leben, Liebe und Leid einer außergewöhnlichen Burgfrau«
von Elisabeth Wintergerst

Tonaufnahme in Netz-Qualität (MP3, 9:55 Min., 4 MB)


Ain güt geboren edel man

I
Ain güt geboren edel man
warb umb ain freulin wolgetan,
er sprach ir zü mit tugentlichem sitten:
»Genad, ain freulin waidelich,
wolt ir ain klain verhören mich,
was ich eu underteniklich wolt bitten?
Ich bin verellendt also ser,
an freuden müss ich armen
und wais nicht, wellend ich hin ker;
das lat eu, frau, erbarmen.«
II
»Ir liesst gen mir wol euern spot,
und seit ir kranck, so helf eu got,
der mag eu alles trawren wol embinden.
An mir so leit ain klainer trost,
dorumb so werdt ir hart erlost.
fücht anderswo, wo ir mügt freude finden.
Wann ich mag kaines helfer sein,
das möcht ain jeder schauen:
ich bin ain klaines freuelein,
was wolt ir auff mich pauen?«
III
»Ach frau, was sol der ungelimpf?
es ist mir laider aufs dem schimpf;
mang jar bis her müsst ich vil kumbers tragen
In euerm dienst verborgenlich;
und waisst got wol von himelreich,
das mich nie half gen euch mein senlichs klagen.
Wann mir kain weiplich creatur
nie bas geviel von herzen,
dorumb mein leiplich kranck natur
müss leiden grossen smerzen.«
IV
»Ir mügt wol sagen, was ir wellt,
si ist nicht hie, die euch gevellt,
das waiss ich wol, mich triegen dann mein sinne;
Wann ich bin grauselich gestallt,
von vier und zwainzig jaren alt,
was möcht eu gen mir lussten klüger minne?
Und kan ouch weder weis noch wort,
das kainen müg erfreuen,
und wer ich jetz euer leiser hort,
es wurd eu morgen greuen.«
V
»Was dürft ir neur der klügen sprach?
euer schön, die tüt mir ungemach,
euer wandel klüg, der hat mein herz betwungen.
Erhör mich, stolz freulin gemait!
zwar mir ist ie gewesen laid,
wer dich betrübt mit seiner falschen zungen.
Und was dich übet, säligs weib,
zu nassen öglin klare,
dasselb betrübet mir den leib
und macht mir grawe hare.«
VI
»Des danck ich eu mit ganzem fleiss.
davon so habt ir lob und brais,
das euch der freulin smäh tüt missevallen.
Jedoch beswärt es mich ain klains:
ich tröst mich sicherlichen ains,
das mir nicht schaden mag kain übels kallen.
Wer freulin schendet ane sach
und sich ir an schulde rümet,
derselb verphendet ungemach,
sein lob wirt im enthümet.«
VII
» Lat mich geniessen, edle frucht,
durch all euer er und weiplich zucht,
das ich nie gert, was eu möcht schaden bringen.
Was hilft eu neur mein teglich pein?
euer treuer diener wil ich sein
und wer unfro von eu kain misselingen.«
»Zwar ich bedarf nicht sölcher knecht,
euer dienst ist mir zu wähe.«
»nit redt als scharpf, frau, bedenekt eu recht.
wie geren ich das sähe.«
Das Original
aus Handschrift B
Meine
Übertragung

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Original in der Handschrift B von 1431/32

»Ein gut geborener Edelmann« in der Handschrift B, 
der Innsbrucker Liederhandschrift von 1431/32

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»Ein gut geborener Edelmann«

in meiner Übertragung von 2011

Ein gut geborener Edelmann
hielt um ein edles Fräulein an.
Er sprach zu ihr mit tugendhafter Sitte:
»G(e)nade, Fräulein, seid so gütig,
und hört mich an und achtet ein wenig,
worum ich Euch jetzt untertänig bitte.
Ich fühl' mich elend gar so sehr,
an Freude muss ich verarmen.
Kaum weiß ich noch, wohin ich mich kehr,
drum lasst Euch, Frau, erbarmen!«
»Ihr ließet besser Euren Spott,
Und seid Ihr krank, so helf Euch Gott,
Der mag Euch Eurer Trauer wohl entbinden!
Es liegt bei mir gar wenig Trost:
hier werdet Ihr wohl kaum erlöst.
Sucht anderswo, wo Ihr mögt Freude finden!
Denn ich kann niemandes Helferin sein,
und jeder kann es schauen:
Ein Fräulein bin ich nur, gar klein –
Wie wollt Ihr da auf mich bauen?«
»Ach Frau, warum der schimpfliche Ton?
Folgt auf den Schaden nun auch noch der Hohn?
Schon manches Jahr muss ich den Kummer tragen,
weil ich nur heimlich die Dienste euch gebe.
Und Gott im Himmel weiß, was ich erlebe:
Nie half bei Euch mein sehnlichstes Klagen.
Weil mir kein weibliches Wesen je
besser gefallen im Herzen,
drum ist mein Leib voll Schmerz und Weh
und leid ich große Schmerzen.«
»Ihr könnt mir sagen, was Euch gefällt:
Sie ist nicht hier, die Euch gefällt.
Ich weiß es wohl, mich trögen denn die Sinne.
Denn ich bin von hässlicher Gestalt
Und vierundzwanzig Jahre alt!
Wieso gelüstet Euch nach meiner Minne?
Ich kenne weder Weisen noch Wort,
und kann niemanden erfreuen,
und würde ich jetzt Euer Hort,
würde es Euch morgen gereuen.«
»Was braucht Ihr schon der klugen Sprach'?
Und Schönheit brächte mir Ungemach.
Euer Lebenswandel hat mein Herz bezwungen!
Erhöre mich, oh stolzes Fräulein!
Mir ist mein größtes Leid allein,
dass dir viel Schmerz geschieht von falschen Zungen!
Was dich betrübet, seliges Weib
und nässt deine Augen so klare,
das betrübet mich an Seele und Leib
und macht mir graue Haare.«
»Das dank ich Euch mit ganzem Fleiß!
Dadurch gewinnt Ihr Lob und Preis,
Dass Euch der Fräulein Schmähungen missfallen.
Sie sind mir aber nur kleine Last,
es tröstet mich, dass ich sicher bin, dass
mein Ruf unbeschadet bleibt von des Geredes Krallen.
Wer edle Damen verleumden tut
und sich noch brüstet dieser Schand,
zerstört nur seinen eigenen Ruf
und wird dies merken im ganzen Land.«
»Lasst mich genießen die edle Frucht
all' Eurer Ehre und weiblichen Zucht!
Ich hab' nie begeht, was Euch könnt' Schaden bringen!
Was hilft Euch meine tägliche Pein?
Ein treuer Diener will ich euch sein,
wär' sehr unglücklich, tät' dieser Wunsch misslingen!«
»Doch ich bedarf nicht solcher Knecht',
Euer Dienst bedeutet mir zu viele Nähe!«
»Sprecht nicht so, Frau, bedenkt es recht,
Ihr wisst, wie gern ich das sähe!«

Diese Übertragung ist zu hören mit CONVENTUS TANDARADEY im 2014 erschienenen Film
»Margarete von Schwangau – Leben, Liebe und Leid einer außergewöhnlichen Burgfrau«
von Elisabeth Wintergerst

Zur Seite zum Film »Margarete von Schwangau«

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